Die Langdistanz an der WM in Lausanne war mein grosses Ziel. Nachdem ich 2007 in Kiew Weltmeister in dieser Disziplin geworden bin, schaffte ich es seither nie mehr auf das Podest. Mit kleineren Verletzungen in der Vorbereitung, Fehler oder Unsicherheiten im Wettkampf hielt ich mich in den folgenden Jahren davon ab. Mit Silber schaffte ich 5 Jahre später wieder diesen Sprung – auch wenn ich zugeben muss, dass ich manchmal von noch mehr geträumt habe…

 

  

Die Europameisterschaften im Mai und mein zweiter Platz in der Langdistanz gaben mir auf dem Weg Richtung WM viel Selbstvertrauen. In eher unbekanntem Gelände gelang mir ein sehr guter Wettkampf. Noch wichtiger als das Resultat waren die gewonnene Sicherheit und das Laufgefühl. Nun wusste ich wieder, dass es geht und auch wie es sich anfühlt. Die richtige Mischung zwischen aggressivem Laufen und ruhigem Agieren, zwischen aufs Tempo drücken und sich genügend Zeit lassen. Gleichzeitig hatten die guten Resultate, vor allem dann auch der Sieg im Testlauf kurz vor den Meisterschaften, aber auch einen anderen Effekt. Plötzlich galt ich als grosser Favorit.

 

Wenn ich ehrlich bin, fühlte ich mich in dieser Rolle ziemlich wohl. Favorit zu sein heisst nämlich auch, dass man sehr gute Chancen auf einen Platz auf dem Podest hat. Und das wollte ich – noch mehr als die Zuschauer oder Medien. So gesehen lag die Gefahr nur bei den eigenen Erwartungen und Zielen. Und damit kann ich mittlerweile besser umgehen.

 

Die Qualifikation wollte ich in einer guten Zeit hinter mich bringen. Am liebsten wäre mir ein deutlicher Sieg gewesen. Denn damit hätte ich einen guten Startplatz erhalten und zugleich auch der Konkurrenz etwas zu denken gegeben. Resultiert hat ein knapper Sieg vor Valentin Novikov, mit etwas mehr Vorsprung auf den dritten Platz. Einen Tag nach dem Sprint war ich damit sehr zufrieden. Zudem hatte ich mit diesem Resultat „meine“ Startnummer 144 erobert. Mit dieser Nummer war ich neben dem Sprint zum Beispiel 2007 zweimal erfolgreich unterwegs, wie auch an der EM (Langdistanz).

 

Da es auf „World of O“ bereits eine sehr gute Analyse des Wettkampfes mit GPS Routen und Zwischenzeiten gibt, möchte ich mich hier nur auf einige persönliche Schlüsselstellen beschränken.

 

Die Startphase

Vor dem Start zum Final war ich zwar etwas angespannt, aber nicht nervöser als normal. Ich versuchte, die wichtigsten Punkte nochmals zu wiederholen. Dass es mir dann sogar gelang, mich auf die Dornen und vielen Wege zu freuen, unterstreicht die Vorfreude auf den Wettkampf.

 

Eigentlich stellte der Weg zum ersten Posten keine grosse Schwierigkeit dar. Trotzdem ist der Abschnitt für den eigenen Lauf enorm wichtig. Aufgrund der gemachten Erfahrungen in Trainings und Musterläufen, wollte ich das kleine Weglein sehr nahe am Strich meiden. Die Dornen können in halboffenen Gebieten mit Bodenvegetation sehr hoch sein und kleine Pfade ziemlich überwachsen. Also entschied ich mich für eine rechte Variante. Anstatt den Einstieg gut zu meistern, wagte ich aber bereits den Blick nach vorne auf die nächsten Posten. Sogleich verpasste ich die erste Abzweigung und stand am Waldrand – viel zu weit rechts. Korrigieren, erste Störgedanken verdrängen und ruhig bleiben. Doch leider trug ich das ungute Gefühl noch einige Posten mit. Erst auf dem Weg zu Posten 3 kam ich in einen guten Rhythmus und es dauerte bis Posten 6 bis ich die Unsicherheit ganz losgeworden bin. Ich musste mir den Einstieg richtig erkämpfen.

 

Ein weiterer Schlüsselmoment lag kurz vor dem 6. Posten. Die Route war für mich von Anfang an klar und deshalb nutzte ich die Wegstrecken, um die nächsten Abschnitte vorzubereiten. Zu spät schwenkte ich zurück zur aktuellen Aufgabe und verpasste den Einstieg leicht. Deshalb lief ich eine längere Strecke durch ein Dickicht. Ich bemerkte, dass ich nochmals mit einem blauen Auge davon gekommen bin (im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein Ast verfehlte das Auge nur sehr knapp). Gleichzeitig war es auch ein Wachrütteln. Ich musste aufmerksamer sein.

 

 

Posten 10 bis 14

Abgesehen vom Start war dies mein schlechtester Abschnitt. Zu Posten 10 zögerte ich beim Querlaufen etwas. Eher atypisch war dabei schon meine Routenwahl. Normalerweise würde ich diesen Posten wohl über den Weg anlaufen. Aber irgendwie liess ich mich etwas stressen vom schlechten Laufgefühl. Nach der langen Teilstrecke fühlte ich mich müde. Erstaunlich war auch, dass ich jedes Mal schon auf die Verpflegungen unterwegs wartete. Normalerweise habe ich unterwegs kaum Durst und muss mich eher zum genügend Trinken zwingen.

 

Beim kurzen Verschieber zu Posten 11 kam ich etwas weit rechts, sah dann aber die Kamera. Dort entschied ich mich kurzerhand, die vorbereitete Route links über den Weg nicht zu laufen und stattdessen alles quer zu gehen. Ein schlechter Entscheid. Ich setzte die Route nicht optimal um und verlor wertvolle Sekunden. Dazu kam, dass ich die Teilstrecke zu 14 nicht vorbereiten konnte und deshalb zu 13 schon Zeit investieren musste. Auch zu 14 änderte ich meine Meinung. Schon viel früher im Wettkampf hatte ich diese Teilstrecke kurz angeschaut und mich für den Weg östlich des Striches entschieden. Beim Posten hatte ich dann aber nicht den Mut dazu und wollte näher an der direkten Linie bleiben. Schlecht umgesetzt wurde der Weg dann doch etwas länger.

 

 

Schlussphase

Nachdem ich mich wieder gut gefangen hatte und konzentriert lief, holte ich beim 21. Posten erstmals einen Gegner ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich unterwegs nie jemanden gesehen. Es blühte wieder Hoffnung auf, dass der Lauf doch sehr gut sein könnte. Ich nahm bei den kurzen Posten etwas Tempo raus und versuchte fehlerfrei zu bleiben. Beim Überlauf hörte ich den Zwischenstand. Obwohl ich nun physisch voll am Limit lief, beging ich keine weiteren Fehler und kam als Zweiter ins Ziel. Die Müdigkeit war gewaltig und ich musste mich ins Ziel retten. Die Freude konnte im ersten Moment die Erschöpfung nicht überwiegen. Irgendwo dachte ich auch noch an meinen Traum, nach 5 Jahren erneut Weltmeister zu werden…

 

Doch schon wenig Zeit später freute ich mich richtig über die Silbermedaille. Ein super Resultat im wichtigsten Lauf des Jahres!