Gleich der erste Tag der Heim-WM in Lausanne wurde zum grossen Highlight. Mit allen drei Medaillen bei den Herren erreichten wir sogar noch mehr als erwartet – galten doch in dieser Disziplin diverse andere Läufer als Mitfavoriten.
Nach 2007 war es meine zweite Silbermedaille im Sprint. Mit 17 Sekunden war es 2012 nicht ganz so knapp wie damals (0.9 Sekunden trennten mich von Gold). Da ich aber auf eine Medaille hoffte, nicht aber damit rechnete, freute ich mich riesig über diesen Erfolg.

 

 

Qualifikation

Mit der Qualifikation am Morgen wurde die Weltmeisterschaft im Heimgelände eröffnet. Vor dem Start machte sich bei mir etwas Nervosität breit. Ich fühlte mich gut vorbereitet, doch der erste Wettkampf ist immer etwas Spezielles und mit dem Gelände um die EPFL/Uni rechneten wir zusätzlich mit technischen Schwierigkeiten. Im Vorfeld durfte man sich hier etwas umsehen, nicht aber trainieren und mittels Karten orientieren. Die grosse Frage war, wie sich das mehrstöckige Gelände auf der Karte gut darstellen lässt und wie man trotzdem faire Bedingungen schaffen möchte. Die Antwort war dann – nicht ganz unerwartet – ziemlich einfach. Fast alle Treppen und Aufgänge wurden abgesperrt und der Wettkampf fand nur auf einer Ebene statt.

 

In den Qualifikationsläufen wird jeweils zu dritt gestartet (3 verschiedene Qualifikationsfelder). Somit hat man stets Gegnerkontakt, der allerdings kein Aufschluss über die eigene Leistung geben muss. Denn die Bahnen können auch ziemlich verschieden sein.
Mein Start fühlte sich sicher und schnell an. Nach wenigen Posten war ich aber immer noch hinter dem Spanier zurück, der zur gleichen Zeit gestartet war. Ich begann mich über mein Tempo zu wundern. Die Bahn war einfach und ich liess mich verunsichern. Ich dachte, dass solches Gelände von allen Läufern beherrscht wird und somit vor allem das Lauftempo zählen würde. Wenn man also nicht voll am Limit läuft, könnte ich auch zu langsam unterwegs sein.

 

Als mich kurz darauf auf einer einfachen Teilstrecke ein weiterer Läufer überholte, begann ich definitiv zu zweifeln. Ich dachte daran, dass ich einen schlechten Tag erwischt hatte und lief weiterhin voll am Limit. Auch in einem Finallauf hätte ich kaum schneller sein können. Technisch kam ich ohne Schwierigkeiten durch und nahm erst in Hörweite des Speakers etwas Tempo raus. Die Qualifikation war gesichert. Aber mit 18 Sekunden Vorsprung und der Zunge am Boden hatte ich alles andere als Energie für den Final gespart. Die Zwischenzeiten zeigen ein deutliches Bild: auf der Hälfte der Postenverbindungen hatte ich Bestzeit und insgesamt verlor ich nur 18 Sekunden auf alle schnellsten Abschnittszeiten…

 

 

 

Final 

Ich freute mich auf die Pause im Hotel und machte einen langen Mittagsschlaf. So erholte ich mich besser als erwartet und fühlte mich wieder bereit für den Final am Abend. Es gelang mir in diesem Jahr extrem gut, abzuschalten und mich einfach zu freuen.
In der Quarantäne vor dem Start war die Stimmung dann wieder angespannter. Mit einem Buch versuchte ich mich nochmals abzulenken. Speziell war aber auch das Einlaufen. In Ufernähe des Lac Léman genossen die meisten Leute die Sonne und bekamen von unserem Wettkampf nichts mit…

 

Richtung Start, den wir in unserer Vorbereitung ziemlich genau getippt haben, versuchte ich mich nochmals zu konzentrieren. Ich erwartete einen schwierigen Sprint mit einigen Routenwahlen. Mit Luftbildern, Karten und Ansichten hatte ich im Vorfeld das Gelände mittels Computer ausspioniert. Dabei versuchte ich immer, offen zu bleiben. Denn die Gefahr, dass man sich bei Durchgängen oder Passagen verschätzt, ist gross und beeinflusst die Routenwahlen eventuell entscheidend.

 

Trotz dieser Vorbereitung brauchte ich nach dem Startpunkt einige Sekunden, um mich zu entscheiden. Ohne die rechte Möglichkeit wirklich zu prüfen, entschied ich mich für den linken Weg zu Beginn der Teilstrecke. Ich wollte nichts überstürzen und startete deshalb eher verhalten, prüfte die kommenden Abschnitte und verlor auch entsprechend Zeit. Auf die Bestzeit waren es dann auch 14 Sekunden! Für mich als Schnellstarter doch eher enttäuschend und zudem auch ein entscheidender Zeitverlust. Trotzdem war ein Teil der Sekunden auch gut investiert und verhalf mir auf den nächsten beiden Posten zu schnellen Zeiten.

 

Start bis Posten 3
Start bis Posten 3 Posten 3 bis 4
   
Posten 4 bis 5 Posten 5 bis 6

 

Hinunter zu Posten 3 hatte ich nie das Gefühl, voll am Limit laufen zu können. Die nächste Routenwahl stand bereits wieder an und in vollem Tempo war es schwierig, alle Zäune, Mauern und Durchgänge optisch aufzulösen. Auf den folgenden Posten war ich sehr auf die Umsetzung der Routen konzentriert und näherte mich schon bald der Zielpassage. Im Kopf war diese Passage vielleicht zu fest eingebrannt und ich nahm den Überlauf wie einen Neustart. Dabei versäumte ich aber völlig, die Zeit zu nutzen und mich auf die nächste Routenwahl vorzubereiten. Die Zuschauer und der Speaker zogen meine Aufmerksamkeit zusätzlich an. Es war einfach gewaltig, an der Zielarena vorbei zu laufen. Noch nie war es an einem Wettkampf so laut! Leider büsste ich für diese Abwesenheit auf dem nächsten Posten. Ich entschied mich für die falsche Strasse und verlor überraschend viel (10 Sekunden) auf die Bestzeit.

 

Posten 10 bis 17 Posten 17 bis Ziel

  

Der Kontrast von der tobenden Menge hin zu den leeren und einsamen Gassen fiel mir auf. Ich versuchte mich weiter anzutreiben und sah den vor mir gestarteten Ungaren vor dem 12. Posten. Das gab mir Sicherheit und gleichzeitig auch den Hinweis, konzentriert zu bleiben. Die Routenwahl zu Posten 15 hatte ich nicht vorbereiten können und tat das einzig richtige. Ich blieb stehen und gab mir entsprechend Zeit. Beim Verlassen des Postens sah ich dann den Ungaren wieder und überholte ihn kurze Zeit später auch schon. Nun kamen noch einige Strecken, auf denen es mehrheitlich hinunter ging. Es gelang mir sehr gut, durchzuziehen und aktiv zu bleiben. Auch die letzte Schwierigkeit, durch die Zuschauer zum letzten Posten, brachte ich hinter mich.

 

Der Zieleinlauf war laut und hart – die anschliessende Freude gross. Ich war Zweiter und dachte überhaupt nicht daran, ob ich hätte gewinnen können. Ich freute mich einfach über die Medaille. Und mit mir Matthias, Matthias und tausende Zuschauer.